In den fünfziger Jahren, mitten im Kalten Krieg bin ich groß geworden. In Westberlin.
Die Freunde meiner Eltern lebten allerdings in Ostberlin. Jedes zweite Wochenende waren wir "drüben". Die Entfernung innerhalb Berlins war einfach zu groß, um von Zehlendorf nach Friedrichshain spät abends nach Hause zu fahren. Also blieb man über Nacht.
Die Ringbahn war noch nicht wieder in Betrieb.
Ich kannte mich also gut aus, rund herum um den Alexanderplatz.
Ich muss so ca. 8 Jahre alt gewesen sein. Eine Verwandte meiner Mutter kam aus Görlitz , dass in der sowjetisch besetzten Zone lag , wie man damals noch sagte zu Besuch nach Westberlin. Das Wort DDR war für Menschen im Westen noch nicht im Sprachgebrauch.
Eines Tages wollte sie so gern eine alte Freundin in Ostberlin besuchen. Sie kannte sich aber überhaupt nicht in der Stadt aus.
Da meinte meine Mutter:" Nimm doch Ursel mit, die zeigt Dir wie Du fahren musst".
Die Adresse war die "Stalinallee", die gerade im sowjetischen Zuckerbäckerstil neu erbaut worden war. Heute heißt sie wieder "Frankfurter Allee", wie vor dem II. Weltkrieg.
Dort wohnte also die Freundin. Erwähnen muss ich noch, dass mein Vater bei der Polizei in Westberlin beschäftigt war und das er jedes mal wenn wir nach Ostberlin hinüber fuhren, seinen Dienstausweis im Westen lassen musste, denn es war nicht so gern von beiden Seiten gesehen. Spionageanwerbung fand im großen Stil statt.
Nun stand ich also mit Tante Hilde vor dem Eingang des Hauses. Es gab sogar glaube ich, einen Fahrstuhl. Die Tante klingelte an der Wohnungstür und nach kurzer Zeit wurde geöffnet.
Zu meinem Schrecken stand da ein Mann in Volkspolizeiuniform im Flur. Er war wohl gerade vom Dienst heimgekommen. Meine Tante hatte Glück.
Er bat uns in die Wohnung hinein. Ich wäre am liebsten vor der Tür geblieben und hätte gern im Hausflur gewartet. Aber die Tante zottelte mich hinter sich her. Der Mann war sehr freundlich, machte Kaffee und ich bekam eine Brause. Ich traute mich kaum einen Schluck zu trinken.
Nach einigen Minuten tauchte noch ein Junge mit Pionierhalstuch auf, der ungefähr in meinem Alter sein musste. Wir wurden in sein Kinderzimmer geschickt. Damals hatten Kinder bei Erwachsenengesprächen nichts zu suchen, und so zogen wir ab. Da guckte ich mir nun das Spielzeug des Jungen an und fand heraus, dass es sich kaum von dem unterschied, was ein Westberliner Junge gleichen Alters so besaß.
Irgendwann wurde ich wieder ins Wohnzimmer gerufen und so ziemlich an der Wohnungstür fragte mich der Mann noch, was mein Vater denn beruflich so machen würde. Ich war wie erstarrt und konnte kein Wort herausbringen.
Als Tante Hilde dann ganz locker meinte mein Vater wäre bei der Polizei im Westen, sah ich mich und meine ganze Familie schon verhaftet. Aber er erwiderte nur:" Ach ein Kollege". Man verabschiedete sich und wir fuhren nach Hause. Die Freundin hatte meine Tante leider nicht angetroffen, aber sie versprach den Besuch zu wiederholen.
Und es passierte nichts weiter. Bis zum letzten S-Bahnhof im Osten sah ich mich jedesmal verhaftet, wenn ein Mann das Abteil betrat. Endlich am Anhalter Bahnhof atmete ich auf.
Ja, so waren die Zeiten damals.
Einer hatte Angst vor dem Anderen. Selbst auf die Kinder griff das über.
Sonntag, 15. November 2009
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