Sonntag, 15. November 2009

Es brennt

Ich muss so etwa fünf Jahre alt gewesen sein, da passierte etwas Furchtbares.
Wir wohnten in Zehlendorf, einem Berliner Villenvorort. Wir waren allerdings keine Villenbesitzer sondern unser Haus stand an einer großen Strasse. Es war ein Eckhaus. Sehr schön anzusehen mit viel Stuck und vom Krieg unversehrt so wie die meisten Häuser in dieser Gegend. Es gehörten drei Aufgänge zum Haus Berliner Strasse Nr.8. Wir wohnten unterm Dach. Die ganze Etage war mal vor dem Krieg ein Hotel gewesen. Auch heute noch standen über jeder Zimmertür die Nummern. Kam man in die dritte Etage, befand sich außerhalb der Wohnung ein so genanntes Etagenbad. Darin standen eine Badewanne, eine Toilette und eine mit der Hand zu betätigende Wäschemangel. Warmes Wasser gab es nicht. Von hier aus musste meine Mutti einen Eimer Wasser jeden Tag über einen 15 Meter langen Flur in unsere Küche schleppen. Denn die war auch mal ein Hotelzimmer gewesen und hatte keinen Wasseranschluss. Links von diesem "Badezimmer" führte eine schmale Treppe zu den Böden der drei Hausaufgänge.
Öffnete man die eigentliche Wohnungstür, so gingen mehrere Zimmer von dem Flur ab. Wir bewohnten diese Räume nicht allein. Es wohnte ein Ehepaar und eine alte Dame, die Mutter der jungen Frau ebenfalls noch mit uns auf dem ellenlangen Korridor.
Aber man verstand sich gut miteinander und hatte keine nachbarlichen Probleme.
Wir bewohnten die letzten beiden Zimmer auf dem Flur. Am Ende des Ganges befand sich eine schwere eiserne Brandschutztür aus den Zeiten des Krieges. Öffnete man sie, so stand man auf dem Boden unter der Kuppel des Daches. Darunter lag ein Kino. Ein ziemlich bekanntes sogar. Der Primus Palast. Hier begann die Schauspieler Karriere des berühmten Gustav Gründgens.
Unter uns lebte der Hausbesitzer mit Lebensgefährtin und Mutter. Auf der untersten Etage lagen Ausstellungsräume der Firma MIELE. Die übrigen Mieter des Hauses verteilten sich auf die anderen beiden Aufgänge.
Und jetzt komme ich zu der eigentlichen Geschichte.
Es geschah in einer Nacht in der unsere Mitbewohner nicht zu hause waren. Sie hatte irgendwelche Verwandten besucht und waren über Nacht dort geblieben.
Mitten in der Nacht wurde meine Mutti durch starken Rauch der unten vom Hinterhof hoch zog geweckt. Ich schlief im Bettchen vor den Ehebetten meiner Eltern. Meine Mutter weckte meinen Vater und mich. Die Eltern zogen sich schnell an und mein Vater bekam für mich Kleidungsstücke in die Hand gedrückt. Ich kann mich noch gut erinnern, dass er mir das Leibchen in aller Hektik verkehrt herum anzog. So saß ich da , inzwischen ganz aufgeregt auf dem Küchenstuhl. Ich hatte aber wohl keine große Angst, denn meine Eltern waren ja bei mir. Mittlerweile drang der Qualm auch durch unsere Zimmerfenster. Man hatte damals ja kaum Doppelfenster. Alles war ganz einfach gewesen.
Meine Mutti rannte den Korridor hinunter und versuchte einen Weg übers Treppenhaus in die Freiheit zu finden. Aber ganz schnell schloss sie wieder die Tür. Auch der Weg über die Böden zu den anderen Aufgängen war versperrt. Sie öffnete die Brandschutztür aber dort schlugen ihr schon die Flammen entgegen.
Nun öffnete mein Vater das Küchenfenster nach vorn zur Strasse und sah wie viele der Mieter unten vor unserem Haus standen. In Morgenmänteln und Schlafanzügen. Mehrere Löschzüge der amerikanischen Feuerwehr von der nahe liegenden Kaserne der Alliierten standen auf der Strasse und die Feuerwehrleute rannten nach hinten auf den Hof zu. Erst als meine Eltern wie verrückt aus dem Fenster schrien, fiel es auf, dass meine Eltern und ich ja gar nicht unten in der Menge standen. Man hatte an uns einfach nicht gedacht.
Nun kam ein weiterer Löschzug auf den Platz vor unser Haus gefahren. Die riesige Leiter wurde hoch bis an unser Fenster gekurbelt und ein schwarzer Feuerwehrmann sprach mir in einer Sprache gut zu, die ich nicht verstand. Er nahm mich auf den Arm und trug mich die Leiter hinunter. Erst jetzt packte mich die Angst. Vor dem Mann, der Höhe und dass ja auch meine Eltern die Leiter mit hinunter kamen.
Unten angekommen, nahmen uns Nachbarn aus einem Seitenflügel für die Nacht auf. Erst 2 Tage später konnten wir wieder in unsere leicht beschädigte Wohnung zurück. An einem Tag klopfte es an unserer Tür. Meine Mutter machte auf und da stand der schwarze Feuerwehrmann vor mir, der mir und meinen Eltern das Leben gerettet hatte. In der Hand hielt er ein knallrotes Bilderbuch mit der Aufschrift: THE LITTLE FIRE ENGINE. Ich habe dieses Bilderbuch mit wenigem Text über alles geliebt.
Später erfuhr ich, dass sieben Löschzüge im Einsatz waren und 2 Feuerwehrleute ums Leben gekommen waren. Wenn meine Mutti den Rauch nicht gerochen hätte, hätten wir nicht überlebt.

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